Ein unerwarteter Zufallsfund - IWC Schuluhr Kaliber 97

  • Liebe IWC-Freunde,


    ich halte ja hier von Zeit zu Zeit die Fahne der Taschenuhren hoch, aus verschiedenen Gründen. Zum einen sind diese Uhren heute vergleichsweise günstig, das Verhältnis von Preis zu handwerklichem Wert ist oft unschlagar. Dann haben diese Uhren eine (oft lange) Geschichte zu erzählen und sind Zeugen lange vergangener Zeiten. Schön sind sie auch - und ein Hauptgrund für meine Faible für IWC ist in den Werken der 9x-Baureihe begründet. Klassiches, elegantes Brückendesign - zeitlos schön. Und schließlich erlauben einem diese Uhren einen wunderbaren Einblick in die Technik - alles ist groß und übersichtlich, wer sich als Laie in die Funktionsweise einer Uhr einarbeiten möchte, ist hier richtig. Und manchmal kommen alle diese Elemente in einer Uhr zusammen...


    Hamburg ist ja nicht gesegnet mit Möglichkeiten, vernünftige Vintage-Uhren zu kaufen. Die neue Börse nach Münchner Vorbild im Marriott lief gut an, hat aber noch Potenzial nach oben. Die alte Uhrenbörse in der Uni Mensa dagegen kennt offenbar nur noch den Weg nach unten - gähnende Leere im Raum und auch bei den Händlern nicht unbedingt eine Positiv-Auslese der vergangenen Zeiten. Entsprechend flott habe ich auf dieser trüben Veranstaltung meine Runde gedreht und blieb nur kurz vor dem Ausgang bei einem Vintage-Gauner aus Benelux hängen. Da lag eine sehr schöne Patek Minutenrepetition unschuldig herum - fantastische Uhr, aber auch als TU unbezahlbar (obwohl nur ca. 5-10% der Armbanduhr-Variante...).


    Daneben fiel mir eine umgedrehte TU ins Auge - TU mit Glasboden, sicheres Zeichen für blindes Gebastel. Sah aber sehr professionell aus. Und das Werk kam mir auch bekannt vor - ein IWC Kaliber 97, also mit Schwanenhals und etwas höher als das ähnliche Kaliber 95. Kein Firmenname auf der Brücke, aber der Probus-Stempel war deutlich zu sehen und die 97-Markierung auch. Aber keine Werknummer und keine Seriennummer :grb: :grb:


    Die Vorderseite bot dann eine weitere Überraschung: Das Blatt war identisch mit meiner Stahl TU 5200. Jedoch: es stand nicht IWC auf dem Blatt, sondern:



    Mir völlig unbekannt - kurz Google-Suche brachte die Erkenntnis: Es muss sich um eine Schuluhr handeln!


    Battenberg ist eine Stiftung, die sich im Raum Biel um die Berufsqualifizierung von Behinderten kümmert.
    http://www.battenberg.ch/de/ueber-uns/ueber-uns/default.aspx


    1962 gegründet, lag der Schwerpunkt des Berufsbildungswerks auf der Qualifikation für die Uhrenbranche - was angesichts der lokalen Gegebenheiten nahe lag. 1965 begann das Ausbildungsprogramm, dass dann offenbar bis zur Quartzkrise recht erfolgreich lief. Danach war man zu einer Neuausrichtung gezwungen, aber auch heute noch werden Uhrmacher ausgebildet:
    http://www.battenberg.ch/de/au…t-rhabillage/default.aspx


    Im Zuge dieser Ausbildung werden sogenannte Schuluhren verwendet, an denen Arbeitsschritte mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad geübt werden. IWC Taschenuhrwerke waren hier sehr beliebt, da groß, robust und leicht zu bearbeiten. In aller Regel wurden jedoch einfache Kaliber verwendet, nach dem Krieg meist unfinissierte Kaliber 67. Hier ein Link zu einem der wenigen Hintergrundberichte zu diesen Uhren vom Thomas König (IWC):
    http://www.iwc.com/forum/de/di…25171/?page=1#post_280947


    Battenberg taucht nirgendwo auf und auch die Verwendung von Kaliber 97 habe ich nicht an anderer Stelle dokumentiert gefunden - offenbar ein ganz seltener Fund. Der Grund liegt auf der Hand: So ein hochwertiges Kaliber dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit Teil einer Abschlussarbeit gewesen sein, deshalb die Individualnummer und der Glasboden. Vielleicht hat z.B. ein Prüfling hier die Anglage gemacht oder die Genfer Streifen - auf jeden Fall ein echtes "Manufakturwerk". Es handelt sich übrigens auch um die alte Version des Werkes noch ohne Stoßsicherung, das nur bis 1964 gebaut wurde - was mit der Schulgründung zusammen fällt.


    Und da ist sie nun, meine erste TU mit Glasboden - Schnäppchen war es nicht, aber was heißt das schon bei Taschenuhren (zumal wohl niemand für diese Uhr einen "Marktpreis" zur Hand hätte):










    Mehr Bilder gibt es in den kommenden Tagen.


    Gruß,
    Christian

  • ... danke, danke :G


    Hier nun wie versprochen noch einige weiter Bilder:


    Das Gehäuse ist deutlich höher als bei den sehr flachen "Frackuhren" - was nicht verwundert, angesichts der Bauhöhe des Kaliber 97 (H4, das Kal. 95 hat H3):



    Optisch unterscheiden sich Blatt und Zeiger nur durch die verschiedenen Logos:





    ... aber bei der Rückseite merkt man den Unterschied:



    Der Bügel hat übrigens schon die moderne Form, wie bei meiner goldenen:



    Und ein paar Details - Seriennummern hat es keine, aber den Probus-Stempel, die Kaliber-Kennzeichnung und eine Schulnummer:



    Und nochmal gucken, ob da auch sauber gearbeitet wurde :lupe: :


    - Anglage:




    - Chatons:



    - Genfer Streifen:





    - und der Schwanenhals:



    ... und die echte Schraubenunruh:



    Fazit: Für ein "Bestanden" dürfte es gereicht haben :respekt:


    Gruß,
    Christian

  • Mein lieber Christian,


    erst mal Glückwunsch zum Erwerb und noch viel mehr zum Glück, sowas zu finden, bzw. dem übern Weg zu laufen (und zu erkennen). :lupe:


    Muss jetzt doch mal auch das eine oder andere Foto machen, um etwas Adäquates reinzustellen. Zumindest TU-mäßig hast Du schon zu mir aufgeschlossen, am Rest arbeitest Du, auch wenn ich die Wehklagen der späten Geburt noch im Ohr habe.


    Gruss


    Karl