Uhren-Hauptrollen in der IWC-Geschichte - Part 2: The Good Guy...

  • ... und nun die versprochene zweite Neuvorstellung - wieder eine Uhr, die ganz entscheidend in der Geschichte der IWC war. Aber in einer ganz anderen Form, als es die Top Gun war.


    Auch hier braucht die Geschichte etwas Anlauf:


    Bis Anfang der 70er Jahre war IWC eigentlich in einem ganz passablen Zustand - es gab solides Wachstum und die Modellpalette war recht gut aufgestellt: Alte Verkaufsschlager wie z.B. die Ingenieur wurden ergänzt mit neuen Linien, die insbesondere in Form der Yacht Club I überaus erfolgreich waren. Doch dann traf das Unternehmen - ebenso wie die Konkurrenz - eine Kombination von gleich vier unvorhergesehenen Krisen, die die Marke an den Abgrund brachten. Zum einen die Markteinführung günstiger elektronischer Uhren, die die Vertreter des klassischen, mechanischen Uhrenbaus plötzlich ziemlich alt aussehen lies. Diese als "Quarz-Krise" in die Annalen der Uhrmacherzunft eingegangene Entwicklung war aber noch nicht alles - dazu kam eine schwere Wirtschaftskrise ausgelöst durch den Ölpreisschock des Jahres 1973 und der Zusammenbruch des alten, goldbasierten Wechselkurssystems von Bretton Woods, der zu erheblichen Turbulenzen am Goldmarkt führte. Und als wäre das nicht noch genug, wertete der Schweizer Franken in schnellen Sprüngen so drastisch auf, dass in den Hauptabsatzmärkten kaum noch konkurrenzfähige Preise möglich waren (kommt einem alles irgendwie bekannt vor, oder ;) ).


    Innerhalb weniger Jahre stand praktisch die gesamte schweizer Uhrenindustrie mit dem Rücken zur Wand und suchte händeringend nach Auswegen. Hatte IWC 1973 noch mit gut 50.000 Uhren ein Rekordjahr, brach der Absatz nun komplett zusammen. Ein erster Versuch aus diesem Dilemma zu entkommen, war die SL Uhren-Kollektion aus dem Jahr 1976 - mit der Ingenieur SL 1832 "Jumbo" als Flagschiff. Doch nur wenige hundert Stück ließen sich verkaufen, ökonomisch ein Desaster. Und so wurde es richtig eng, Anekdoten zufolge konnten in manchem Monat erst die Gehälter bezahlt werden, nachdem der Vertriebsleiter erfolgreich einen Koffer mit Golduhren im Nahen Osten losschlagen konnte.

  • Der absolute Tiefpunkt war in den Jahren 1977/78 erreicht. Für eine Zeit wurde überlegt, den Bau von Armbanduhren ganz aufzugeben und sich auf die alte Stärke bei Taschenuhren zu besinnen - aber damit gänzlich in einer Nische zu verschwinden. Aus dieser Verzweiflung entstand unter anderem das Kaliber 9721, die erste Komplikation in einer Taschenuhr der IWC (Mondphase und Kalender). Aber auch das war keine Lösung. Angesichts der drohenden Insolvenz wurde nun alles zu Geld gemacht, was irgendwie ging. Und plötzlich wurde vieles möglich: So kam 1977 ein Uhrmachermeister zur IWC mit dem Vorschlag, eine kleine limitierte Serie zum 800. Geburtstag der Stadt Luzern zu fertigen. Kein großes Projekt, aber immerhin 50 Werke plus Montage. Von dieser Serie wurden insgesamt 50 Stück gebaut, je 24 als Lepine mit Kal. 952 und Savonnette mit Kal. 982 in Silber und 2 besondere Gold-Savonnetten mit einem Ewiger Kalender-Modul. Verziert waren die Uhren auf Vor- und Rückdeckel mit dem Stadtrelief Luzerns damals und heute (bei den Lepine nur damals), erstellt vom Luzerner Künstler Rolf Brem .


    So sah diese Uhr aus (das Louis XV-Zeigerspiel findet sich übrigens in dieser Form auch bei einem Teil der "Missing Link" Ur-Portugieser ):



    Die Vorderseite mit dem historischen Stadtbild von Luzern:



    und die Rückseite mit einer damals aktuellen Stadtansicht:



    Dieses Projekt lief so erfolgreich, dass der Luzerner Uhrmacher den Mut für ein ungleich größeres Vorhaben fasste: Im Jahr 1979 sollte in Luzern das traditionelle Eidgenössische Schützenfest statt finden, als Jubiläum zum 50. Mal. Dabei war es eine jahrhundertealte Tradition, dass zu diesem Anlass eine besondere Taschenuhr herausgebracht wurde - eine sogenannte "Schützenuhr". Auch IWC war mehrfach Hersteller solcher Uhren - einen Überblick findet man z.B. in einem Übersichtsbeitrag von Adrian van der Meijden, Hans Goerter und Nelson Herring:


    http://www.goerter.de/IWCFORUM…CHUETZENUHREN_Deutsch.pdf


    Auf den Seiten 5/6 wird auch die Schützenuhr für Luzern 1979 erwähnt - allerdings wird der aufmerksame Leser stutzig: Denn es geht um ein Kal. 952, aber auf den Bildern ist eindeutig eine Savonnette zu erkennen. Weiter heißt es: "Allerdings kam 1979 eine Einladung aus LUZERN, einige dieser Schmückstücke zu fertigen – nach einer Pause von ca. 35 Jahren."


    Um es genauer zu sagen: Dieses Projekt wurde betrieben vom erwähnten Luzerner Uhrmacher, der bei IWC verschiedene Varianten der Schützenuhr in Auftrag gab (es gab parallel noch verschiedene andere Versionen mit Zenith-Werken (für Damen) und Unitas). Und zwar nicht "einige" - sondern den wahrscheinlich größten Einzelauftrag für Taschenuhren in der IWC Geschichte. Ganz genau lassen sich die Zahlen nicht mehr rekonstruieren, aber geplant waren mindestens:

    • 100 Stück Savonnette silber (mit Kal. 982)
    • 50 Stück Lepine 18k Gold (mit Kal. 952)
    • 1000 (!!!) Stück Lepine silber (mit Kal. 952)

    Auch diese Uhren wurden auf den Deckeln durch Reliefe verziert - die Lepines hatten auf dem Rückdeckel Wilhelm Tell:



    und bei den Savonnettes gab es auf dem anderen Deckel ein Schweizer Kreuz mit Apfel als Symbol für den erfolgreichen Tell-Schuss (auf dem Bild links):



    (c) Michael Friedberg / http://www.iwc.com/forum/en/discussion/3136/


    Das damalige Komplettpaket der Lepine kann man in diesem Angebot gut sehen:

    http://www.uhren-schoefer.de/site/de/watch/1223</a>


    Die Reliefe stammen vom Luzerner Künstler Hans Erni , der inzwischen 103 Jahre alt ist. Die Prägungen erfolgten in der Eidgenössischen Münzstätte in Bern, die fertigen Schalen wurden dann an IWC zur Montage geliefert.
    Und dies war ein erhebliches Risiko: Denn die Schalen und auch die Werke wurden im wesentlichen vorfinanziert durch den Luzerner Uhrmacher - und der hatte durchaus Sorge, dass die IWC vor der Fertigstellung die Tore schließen musste und durch Insolvenz alles verloren wäre. Es ist gut gegangen - aber auch nur gerade so: Jahre später gestand der damalige Finanzleiter (und spätere IWC Chef) Otto Heller, dass es so knapp war, dass es ohne diesen Auftrag vorbei gewesen wäre. Das Volumen entsprach ungefähr einem Monatsgehalt für die damals schon stark geschrumpfte Belegschaft - und so war das Geld aus diesem Projekt entscheidend, um die IWC mit dem letzten Tropfen Sprit über die Ziellinie zu bringen: wenig später konnte dann der Verkauf an den deutschen Industriellen Adolf Schindling und seine VDO AG erfolgreich abgeschlossen werden.


    Lange her, lange vergessen - und heute hat sich dank Boom und China der Habitus deutlich gewandelt. Aber ohne Luzern, ohne Wilhelm Tell und ohne den Luzerner Uhrmacher, der ganz erheblich ins Risiko gegangen war, würde es heute wohl keine IWC-Uhren mehr geben.


    Epilog: Auf diese Geschichte gestoßen bin ich durch einen puren Zufall, den Kauf einer solchen Schützenuhr von einem befreundeten Sammler. Erst auf den zweiten Blick fiel uns auf, dass bei der Uhr etwas ungewöhnlich war:






    Auf dem Zifferblatt fehlte der Schriftzug "50.Eidg. Schützenfest Luzern 1979" - und dem wolte ich auf den Grund gehen. Durch den Verkäufer der "800 Jahre Luzern"-TU wusste ich, dass es irgendwo in Luzern einen Uhrmacher gab, der diese Uhren entwickelt hatte. Und zufällig konnte ich den ausfindig machen: Uhrmachermeister Jörg Spöring aus Luzern , auch der ist noch aktiv. Die Schützenuhr lief kaufmännisch durchwachsen, der Vertrieb über Juweliere eher schleppend, da er die Taschenuhren vergleichsweise günstig gepreist hatte (ungefähr zum halben Preis vergleichbarer, regulärer IWC Taschenuhren aus der Zeit), dadurch aber die Margen auch deutlich geringer waren. Am Ende wurden alle Savonnette und Gold-Lepines verkauft, von den silbernen Lepines wurden allerdings nur 565 Stück aus der 1000er Serie produziert. Die letzten Exemplare wurden dabei auf Wunsch mit einem neutralen Zifferblatt (ähnlich einer Ref. 5201) ausgeliefert, da Anfang der 80er Jahre eine Aufschrift "Luzern 1979" allzu sehr nach Ladenhüter wirkte. Und eine solche Uhr ist dann inzwischen bei mir gelandet.


    Ich hoffe dieser kleine Ausflug in die Geschichte hat gefallen - ich fand es ganz spannend zu sehen, wie ein heute boomender Laden mit hunderten Millionen Euro Umsatz und satten Gewinnen, damals am seidenen Faden hing. Das hätte auch anders ausgehen können - ist es ja bei vielen anderen Marken auch.


    Gruß,
    Christian


    P.S.: Als kleinen Disclaimer gehen natürlich alle faktischen Fehler (so es welche gibt) zu meinen Lasten, ebenso wie inhaltliche Zuspitzungen - der gute Herr Spöring würde als bescheidener Schweizer z.B. niemals auch nur im Ansatz behaupten, dass er damals IWC gerettet hat. Das stammt von mir - ist aber nach meiner Einschätzung tatsächlich sehr nah an der Realität...

  • Danke für den sehr interessanten Bericht, und die gewohnt grossartigen Bilder. Besonders die ersten Beiden gefallen mir gut.
    Die barocken Zeiger sind wirklich schön anzusehen, obwohl mir IWC normalerweise gerade durch sein technisch sachliches Design gefaellt. Ich frage mich aber wie robust solche Meisterwerke sind, und ob sie einen praktischen Wert besitzen, also ob man Taschenuhren wie diese im Tagesgeschaeft noch "gebrauchen" kann.
    Die einzige Taschenuhr die mir jetzt einfällt, und der ich solide Gebrauchskriterien zusprechen würde, ist die Ingenieur SL. Ich suche sie schon lange, leider habe ich sie erst vor einem Monat wieder knapp verpasst...
    Mike

  • ... die sind absolut alltagstauglich, zumindest von der technischen Seite her. Taschenuhren sind werkseitig fast immer robuster gebaut als Armbanduhren, das folgt allein schon aus den meist deutlich größer dimensionierten Teilen. Die stecken deutlich mehr weg.


    Bei diesen beiden hier kannst Du auf den Bildern mit der Unruh erkennen, dass sie bereits mit einer Incabloc-Stoß-Sicherung ausgestattet sind, also auch hier Stand der Technik. Dazu ist das Kal. 982 wie eine sehr gute Armbanduhr in 5 Lagen reguliert.


    Aus meiner Erfahrung laufen diese Uhren erstaunlich genau. Meine älteste TU ist eine Kal. 65, die mein Urgroßvater Anfang der 20er Jahre gekauft hat. Die wurde bis Mitte der 50er Jahre täglich getragen und lag dann nochmal 50 Jahre in einer Schublade. Danach eine Revision ohne großen Austausch von Werkteilen in 2005 - und läuft bis heute im Chronometerbereich... ähnliches habe ich mit meiner Schuluhr Kal. 97 erlebt, die in ca. 40 Jahren noch keinen Service erlebt hat. Läuft genauer als meine GMT IIc ;)


    Nur bei Wasser muss man vorsichtig sein, da ist tatsächlich die Ingenieur TU die einzige, die das verträgt.


    Richtig im Alltag kommen die Uhren heute aber dann noch nicht zum Einsatz, einfach weil eine Armbanduhr praktischer ist. Aber es gibt schon ein paar echte Fans, die täglich eine TU mit sich rumtragen - zum Teil über 100 Jahre alte Stücke, ohne jedes Problem. Anders als mit einer Armbanduhr stösst man damit auch nicht andauernd an, die ist ja meist sicher in der Tasche. Und bei einer Savonnette wird Glas und Zifferblatt noch durch den Sprungdeckel geschützt.


    Auch wenn die Preise in den letzten Jahren zumindest bei IWC deutlich angezogen haben, kann ich jedem Uhrenfreund zumindest eine Taschenuhr in der Sammlung nur ans Herz legen. Nirgendwo sonst bekommt man für so kleines Geld echte Manufakturarbeit und kann die Technik eines Uhrwerks so leicht nachvollziehen :gut:


    Gruß,
    Christian

  • Hallo Christian,


    wirklich wieder ein toller Bericht mit super "Katalogfotos". :respekt:


    Grüße, Marcus


    Die einzige Taschenuhr die mir jetzt einfällt, und der ich solide Gebrauchskriterien zusprechen würde, ist die Ingenieur SL. Ich suche sie schon lange, leider habe ich sie erst vor einem Monat wieder knapp verpasst...
    Mike


    mike : Schau doch mal mal aktuell bei Grimmeissen, Heilbronn. Der bietet gerade eine Ingenieur SL Taschenuhr an.


    Grüße, Marcus

    Herzliche Grüße,


    Marcus


    * Ich kann nicht beeinflussen was andere über mich denken, aber ich kann entscheiden, ob es mich interessiert. *

  • ... jetzt merke ich erst, dass ja gar keine Werksbilder dabei sind :rolleyes: - hier nochmal ein paar nachgeliefert:


    Erstmal das Kal. 982 der Luzerner Jubiläumsuhr, das Werk ist baugleich mit dem Werk der Jubiläums-Portugieser Ref. 5441 - Werke dieser Charge wurden auch z.B. in der Missing Link Portugieser verbaut:




    Die Kal. 9x2 Werke haben alle 19 Steine, hier ist die Uhr auch noch in 5 Lagen reguliert - das ist schon absolute Topliga:




    Und zum Vergleich das Kal. 952 aus der Schützenuhr - das Layout ist um 90 Grad gedreht im Vergleich zum Kal. 982:



    Und hier sieht man schön die Eigenheiten des Kal. 952: Durch die geringere Bauhöhe keinen Schwanenhals und zwei kleine Stahl "Abstandhalter", um ein Anschlagen des Deckels auf den Unruhreif zu verhindern. Und auf dem Deckstein der Unruhwelle erkennt man schön die Incabloc-Stoßsicherung, die ein Ausschlagen verhindern soll (das ist der Hauptunterschied zwischen Kal. 95 und Kal. 952).



    Dieses Werk ist übrigens identisch mit dem Basis-Werk der alten Minutenrepetitionen (Ref. 5240 etc.).


    Gruß,
    Christian

  • ... nach Jahren noch ein Nachtrag: Es gab von der Luzerner Schützenuhr auch auf Bestellung eine Variante auf Basis einer Patek Philippe Taschenuhr, ähnlich wie die anderen Savonnetten mit dem Apfel-Relief auf der ZB-Seite (hier die Zenith-Version):


    http://www.uhrmacher-spoering.com/seiten/kat_uef_10.html


    Herr Spöring konnte sich selbst nicht mehr erinnern, wie viele tatsächlich gebaut wurden und ich habe die auch nirgends finden können. Aber bei der letzten Genfer Auktion tauchte eine auf:



    (c) Phillips / http://www.phillips.com/detail/PATEK-PHILIPPE/CH080215/179


    Der Verkaufstext spricht von einer 100er Auflage, ich würde aber ausschließen, dass die alle verkauft/gebaut wurden. Diese hätte man jetzt zum Startpreis von 8.000 CHF (+ Aufgeld...) kriegen können - sie wurde aber nicht zugeschlagen. Über 10k Euro ist halt auch sehr sportlich, trotz vorhandener Box und Papiere.


    Gruß,
    Christian