Bulgari Octo Solotempo 38: Die Genta-Uhr, die keine Genta-Uhr ist - aber doch eine Genta-Uhr ist...

  • Liebe Uhrenfreunde,


    gerade in den letzten Jahren hat sich ein Uhren-Typus ganz besonderer Beliebtheit erfreut: Die "Genta-Uhr". Was versteht man darunter? Im engeren Sinne ist das eine sportliche Stahluhr mit einem integrierten Stahlband, die von Gerald Genta entworfen wurde. Der Ursprung dieser Kategorie geht zurück auf die frühen 70er Jahre, als Genta gleich drei Ikonen gestaltete, zuerst natürlich 1972 die AP Royal Oak:



    Die war mit ihrem oktogonalen Bullaugendesign damals eine Revolution und bezahlt bis heute den AP-Eignern die Dividende. Nachdem er das Thema "eckig" abgehakt hatte, kam dann 1976 die Variation "rund" hinzu:





    Es gab da noch eine dritte Uhr, die war aber ein eher mutloser Zwitter mit runden Ecken, der hier keine gesonderte Erwähnung erfordert. Dieses Trio aus Royal Oak, Ingenieur und Nautilus sind also die "echten" Genta-Uhren der ersten Generation.


    Aber schon damals gab es diverse Modelle, die diesen Design-Stil aufgegriffen haben und zumindest in ihrer Design-Sprache als "Genta-Uhren" zählen, auch wenn sie von anderen Designern stammen. Klassische Beispiele dafür sind die VC 222, die GP Laureato oder die IWC Yacht Club II:




    Angetrieben vom riesigen finanziellen Erfolg aktueller Referenzen der Ur-Modelle, versuchen immer mehr Marken sich in der Kategorie der "Genta-Uhren" zu positionieren. Klassische Beispiele aus der jüngeren Zeit sind z.B. eine Piaget Polo S oder eine ML Aikon.


    Und dann gibt es eine Uhrenlinie, die zu den wenigen wirklichen Innovationen der letzten Jahre gehört und zumindest in meinen Augen das Potenzial hat, in Jahrzehnten als eines der ikonischen Modelle der 2010er Jahre wahrgenommen zu werden, ähnlich wie eine RO heute für die 70er Jahre steht. Erstaunlicherweise ist dieses Modell Bulgari gelungen, die man doch weithin nur als Schmuckmarke wahrgenomment hat - vielleicht mit Ausnahme der Bulgari Bulgari, übrigens ein Design von Gerald Genta (man hätte es ahnen können).


    Doch ist denn die Octo nun auch eine "Genta-Uhr"? Die Antwort ist ein klares: Jein :G


    Das Internet ist ja nicht nur eine Quelle von Quatsch und Übel, sondern oft genug ein Hort von spannenden Hintergrundinformationen. Ich bin auch ein wenig bei unseren englischen Freunden von TZ-UK aktiv und stieß dort vor einiger Zeit auf einen sehr interessanten Faden zum Thema, wo ein Nutzer tatsächlich einmal die "wahre" Historie der Octo aus firmeninternen Quellen nachzeichnen konnte - wer es nachlesen möchte (von dort stammen auch die Fotos):


    https://forum.tz-uk.com/showth…Watches-specifically-Octo


    Es ist durchaus kompliziert: Gerald Genta war ja nicht nur ein Uhrendesigner sondern auch Namensgeber einer Uhrenmarke, die sich auf Super-Komplikationen spezialisert hatte. Eine der spektakulärsten Uhren war dabei die 1994 vorgestellte Gerald Genta Grande Sonnerie, die in den damals laufenden Wettbewerb um die komplizierteste Armbanduhr einstieg und die Kontrahenten IWC II Destriero Scafusia und Blancpain Grande Complication 1735 vom Thron stieß. Diese Uhren sehen sehr speziell aus, vorsichtig formuliert:



    Hier finden sich noch weitere Informationen zu diesen Uhren:

    https://watchesbysjx.com/2019/…enta-grande-sonnerie.html


    Diese Uhr wird von manchem als die "Ur-Octo" gesehen, aber das braucht schon etwas Fantasie, zumal z.B. die Bandanstöße eher einer IWC Da Vinci ähneln (kein Genta-Design, sondern Hanno Burtscher).


    Im Jahr 1998 wurde die Marke Gerald Genta dann nach Singapur verkauft, aber der Käufer Hour Glass reicht sie schon 2000 zusammen mit Daniel Roth an Bulgari weiter.


    Im Jahr 2004 kommt dann die wirkliche "Octo" zur Welt - glaubt man dem Bulgari-Insider, wurde die Uhr vom Bulgari-Inhouse-Design-Team in Rom gestaltet, ohne dass Genta involviert war. Aber: Sein Name steht auf der Uhr, denn diese Modell-Linie wird unter der Marke Genta lanciert. Diese Uhren sahen z.B. so aus:



    Die Designsprache ist unverkennbar der Urahn der heutigen Modelle. 2010 wurden dann die drei Uhrenmarken Daniel Roth, Gerald Genta und Bulgari unter der Bulgari-Marke zusammengefasst und die Octo kam als Bulgari-Uhr neu auf den Markt - immer noch ziemlich kompliziert:



    Ein Jahr nach dem Tod von Gerald Genta folgte dann 2012 die schlichte Octo Solotempo in 41mm, zwei Jahr später kamen die kleine 38mm Version und die flache Finissimo auf den Markt, der Beginn einer echten Erfolgsstory.


    Ist die Octo also eine "Genta-Uhr"? Von der Designsprache her: Ja. Von der Ursprungsmarke her: Ja. Vom Designer her: nein. Quasi eine Genta-Uhr, die als Genta (der Marke) verkauft wurde, aber nicht Genta (dem Designer) war.


    Jetzt wird sich der geneigte Leser fragen, was denn der Anlass für diesen Ausbruch irrelevanten Detailwissens war? Der ist ganz profan - eine neue Uhr, die vor einiger Zeit den Weg vom anderen Ende der Welt (Japan) zu mir fand :G :













    Eine wirklich geniale Uhr, die es schafft, in einem extrem dicht besetzten Segment herauszustechen - und das zu einem vergleichsweise fairen Preis. Das Design ist sicherlich nicht für jeden gemacht, aber es zeigt Mut und Können, das ist in der Kombination heute durchaus selten.


    Gruß,

    Christian


    P.S.: Wenn es für jemanden etwas zu viele Ecken und Kanten sind, dann gibt es ja das Nachfolgemodell Octo Roma (hier vorgestellt von Walter (https://forum.watchlounge.com/index.php?thread/249365-bulgari-octo-roma-oder-warum-m%C3%BCssen-uhren-eigentlich-immer-rund-sein/) , wo das Urspungsdesign etwas "abgerundet" ist.

  • Tolle Uhr, herzlichen Glückwunsch. Und wenn man sich die Kompetenz von Bulgari gerade bei flachen Uhren anschaut - sehr beeindruckend!


    wünsche dir viel Freude mit der Uhr.


    Viele Grüße und stay safe


    Wolfgang

    nach den Gesetzen der Physik kann die Hummel nicht fliegen - aber sie kümmert sich nicht drum und fliegt einfach :wink::wink::wink:


    “It’s better to be a warrior in a garden than to be a gardener in a war“ Bruce Lee

  • Die Octo Reihe ist sehr eigenständig und sticht dadurch hervor.

    Ich jedenfalls werde mit ihr nicht warm und das hatte sich nach einem vor Ort Test noch bestätigt.

    Schaut aber nett aus.




    Die IWC hingegen.....:sabber:

  • ... ja, das Octo-Design ist sicherlich nicht für jeden gemacht. Aber es ist eigentlich ganz erfrischend, dass eine Marke auch mal wieder ein etwas polarisierendes Design durchzieht - aktuell sind ja viele Marken eher fokussiert auf gefällige Retro-Uhren, die zwar alle ganz gefällig, dafür dann aber auch etwas langweilig und austauschbar sind.


    Nochmal ein paar Infos zum Werk:


    Die Octo Solotempo gibt es ja in zwei Größen 41mm und 38mm (wie hier vorgestellt). Erstaunlicherweise habe diese beiden Modelle unterschiedliche Werke, BVL 193 und BVL 191, die sich auch in den Maßen praktisch nicht unterscheiden (beide 25,6mm Durchmesser, das BVL 193 ist 3,7mm hoch, das BVL 191 3,8mm).


    Trotzdem unterscheiden sich die Werke fundamental: Das BVL 193 zieht einseitig auf, hat ein doppeltes Federhaus mit 50 Stunden Gangreserve und wurde exklusiv von der Parmigiani-Tochter Vaucher zugeliefert.


    Das BVL 191 ist dagegen das erste "Inhouse"-Werk von Bulgari, hat ein Federhaus mit 42 Stunden Gangreserve und zieht beidseitig auf. Die Werkteile wie Grundplatine, Brücken und Räderwerk werden in La-Chaux-de-Fonds produziert und dann in Le Sentier zusammengebaut. Die Kaliberbezeichnung ist dabei nicht chronologisch, sondern orientiert sich einfach an den Bauteilen - 191 Teile beim BVL 191 und entsprechend 193 Teile beim BVL 193.


    Das BVL 191 ist ein solides Werk in der ETA 2892A2-Klasse, was die Maße und Leistungsdaten angeht. Schön finissiert, allerdings in diesem Preissegment natürlich nicht in feinster Handarbeit. Auf jeden Fall aber vorzeigbar:









    Was mich noch gewundert hat: Die originale Octo Solotempo hat eine Druckdichte bis 10 bar (100 Meter), die neuen Octo Roma-Modelle dagegen nur 5 bar (50 Meter) - obwohl das Gehäuse durch die deutlich geringere Zahl der Facetten (58 statt 110) eigentlich einfacher druckfest konstruiert werden könnte und die beiden Gläser und die Krone identisch erscheinen. Aus meiner Laiensicht scheint es an der Verschraubung des Bodens zu liegen, da finden sich bei der Roma nur 4 Schrauben, bei der Original-Octo dagegen 8 Schrauben:



    Gruß,

    Christian

  • u2112

    Deine Beiträge/Vorstellungen sind immer der Wahnsinn! :verneig:

    Lese ich sehr gern und bildet mich auch weiter!

    Die Sonnerie habe ich zb noch nie gesehen... :lupe:

    Gefällt mir - bis auf die Anstöße - sehr gut :gut:


    Dein Neuzugang ist sobieso traumhaft

    Eine schöne und moderne Uhr die zu jeder Situation passt!

    Vorallem ist sie ein deutliches Statement für den Kenner, der "Normalo" denkt wohl eher: "Oh, welch hübsches (Mode)-Ührchen" :G


    Glückwunsch und viel Freude weiterhin! :blume::blume::blume:

  • Ja, Bulgari hat sich da wirklich gemacht - da gibt es mit der Finissimo (gerade den neuen Modellen), Chronos und Komplikationen eine durchaus beeindruckende Kollektion. Und man sieht auch, wie das langsam bei den Uhrenfans durchdringt. Hier in der WL war ja Armin (parketbulle) als Pionier lange allein auf weiter Flur, inwischen sind es doch mindestens eine Handvoll.


    Hier nochmal ein paar Bilder am Arm:















    Die Uhr ist nicht ganz so flach, wie es manchmal auf Fotos wirkt, sitzt aber trotz der relativ großen Bodenfläche sehr gut am Arm. Durch die gestuften Hörner wird das Handgelenk etwas eingefasst und durch das Band ist die Uhr gut ausbalanciert und nicht kopflastig.


    Gruß,

    Christian

  • HANS : Ja, Genta war schon vor der RO sehr aktiv - die Midas ist da sicherlich einer der eher progressiven Entwürfe aus seiner frühen Phase. Seine ersten Klassiker waren dagegen etwas konventioneller in der Gestaltung, z.B. die Universal Polerouter von 1954 oder die Omega Constellation von 1959.


    Angeblich hat er ja zehntausende Uhren gestaltet, davon sind natürlich 90+% irgendwelcher Kram, den man heute zurecht vergessen hat. Aber er hat eben auch zwei Handvoll Ikonen geschaffen - am Ende ist es das, was bleibt.


    Gruß,

    Christian

  • Toller Bericht Christian, mit interessantem Hintergrundwissen :gut: Ich sehe die Bulgari Octo Finissimo auf Augenhöhe mit der GP Laureato. Und Beide liebe ich mit dem blauem Zifferblatt. Während die GP mit ihrem Zifferblatt der Royal Oak ähnelt, changiert die blaue Bulgari, je nach Sonneneinstrahlung, unterschiedlich intensiv mit seinem blauen Sonnenschliff. Und die Kanten mit der runden Lünette ergibt ein völlig eigenständiges Design. Auch wenn man in der Linienführung der Uhr und des Bandes eindeutig das Gentadesign der Stahlsportuhren aus den 70ern erkennt. Eine wunderschöne Uhr.


    Gruß,


    Wolfgang

  • Chronomaster : GP Laureato ist ein gutes Stichwort - dazu demnächst mehr, wenn mal etwas Luft ist. Kleiner Teaser :lupe: :



    Wenn es Dir die blauen Zifferblätter angetan haben, dann ist übrigens diese Neuheit vielleicht was für Dich:


    Bvlgari-Octo-Finissimo-Automatic-Steel-Satin-Polished-Blue-Dial-103431-7.jpg


    https://monochrome-watches.com…blue-dial-hands-on-price/


    Die beiden neuen Finissimos in Stahl sind auch extrem starke Uhren - obwohl ich ja die "normale" Octo schon habe, könnte ich da nochmal schwach werden (wobei ich etwas mehr zur Variante mit dem matt-schwarzen Blatt neige).


    Gruß,

    Christian